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Biografie: John Richard Beattie Seaman (1913 - 1939)

  • geboren: 4. Februar 1913 in Aldingbourne House, Chichester/England
  • gestorben: 25. Juni 1939 in Spa/Belgien

1938 steuert Richard Seaman seinen Mercedes-Benz W 154 3-Liter-Formelrennwagen zum Sieg beim Großen Preis von Deutschland. Damit steht sein Ruf als erfolgreichster britischer Rennfahrer seiner Zeit fest. In Deutschland ein Liebling des Publikums, wird Seamans Rolle als Repräsentant des nationalsozialistischen Motorsports kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in seiner Heimat allerdings kritisch betrachtet. Den Krieg erlebt Seaman nicht mehr: Elf Monate nach seinem Triumph auf dem Nürburgring endet seine Karriere beim Großen Preis von Belgien tragisch. Er kommt von der Strecke ab, rast in einen Baum und stirbt noch am selben Abend an seinen schweren Verletzungen.

Der 24. Juli 1938 soll der größte Tag in Richard Seamans Karriere werden. Neben Hermann Lang und Manfred von Brauchitsch steht der 25 Jahre alte Engländer in der ersten Startreihe beim Großen Preis von Deutschland, im Training hat er seinen Mercedes-Benz W 154 auf den dritten Platz gefahren. Hinter den drei Silberpfeilen wartet in der zweiten Reihe Rudolf Caracciola als weiterer Mercedes-Benz Pilot neben Auto-Union-Fahrer Tazio Nuvolari auf den Beginn des Rennens.


John Richard Beattie Seaman (1913-1939)
Foto: Daimler AG

Noch 30 Sekunden. Überwältigend dröhnen die Zwölfzylindermotoren der sieben Silberpfeile, als die Mechaniker des Mercedes-Benz Rennstalls die Maschinen starten. Rennleiter Alfred Neubauer, den sie „Don Alfredo“ rufen, signalisiert den Werksfahrern: „Noch 10 Sekunden.“ Dann endlich kommt der Start. Mit einem gewaltigen Crescendo heulen die Triebwerke zum wilden Kreischen auf – Lang geht in Führung.

Seaman aber liegt bereits nach einer Runde auf dem zweiten Platz, in der sechsten Runde führt er erstmals das Feld an. 300 000 Zuschauer am Nürburgring werden zu Zeugen eines „Race with a capital R“ (eines „Rennens, bei dem das R großgeschrieben wird“), wie Seamans Biograf Chris Nixon diesen Grand Prix auf dem Nürburgring später bezeichnet. Zwar scheidet Lang mit technischen Problemen aus, doch zwischen Manfred von Brauchitsch und Seaman entwickelt sich in den nächsten Runden ein faszinierendes Duell – bis der Wagen von Brauchitschs in der 16. Runde während des Boxenstopps Feuer fängt. Neubauer zieht seinen Piloten geistesgegenwärtig aus den Flammen und schickt Seaman, den zweiten Fahrer in der Box, auf die Strecke zurück. Jetzt führt Richard „Dick“ Seaman das wichtigste Rennen der Grand-Prix-Saison. Im W 154 mit der Startnummer 16 und seiner grünen Windhaube gut zu erkennen, baut der 25 Jahre alte Engländer die Führung kontinuierlich aus und siegt schließlich mit einem Vorsprung von 3 Minuten, 20 Sekunden auf Hermann Lang, der Caracciolas Wagen übernommen hatte.

Wer ist dieser junge Mann, dessen kometenhafter Aufstieg und tragischer Tod 1939 an Bernd Rosemeyer erinnern? Der sich im Alter von gerade einmal 25 Jahren mit den besten Piloten des Mercedes-Rennstalls misst und als erster Brite seit dem Sieg von Sir Henry Segrave 1923 den Großen Preis von Deutschland gewinnt?

Geboren wird John Richard Beattie Seaman am 4. Februar 1913 als Sohn einer vermögenden Familie der britischen Oberschicht. William John Beattie Seaman und seine 21 Jahre jüngere Frau Lilian Mary leben standesgemäß mit Landsitz und einem Haus in London. Zur Familie gehört auch eine britische Daimler-Limousine mit Chauffeur, die den jungen Richard schon früh fasziniert. Daran, dass sich sein Leben später um die Rennwagen des deutschen Stammhauses der Marke drehen würde, dachte niemand im seamanschen Haushalt – auch wenn „Dick“ als Kind begeistert Entwürfe von Rennwagen zeichnet. Eine Karriere im diplomatischen Korps oder Erfolg im Wirtschaftszentrum der City of London sind nach Meinung der Eltern angemessen für einen Sohn aus gutem Hause. Nicht aber ein Leben als Rennfahrer.

1921 beginnt Richards Schulzeit im Internat von Hildersham House. Diese „Preparatory School“ bereitet den Jungen auf die renommierte „Public School“ in Rugby und das anschließende Studium (Französisch und Italienisch) in Cambridge vor. Zum Schulabschluss schenken ihm die Eltern das erste Auto – einen Riley Brooklands Nine.

1931 beginnt Seaman (er fährt mittlerweile MG Magna) sein Studium am Trinity College in Cambridge. Er rudert für das College, wird aber auch Mitglied im Automobilclub der Universität (CUAC) und nimmt an Motorsportwettbewerben teil. Dabei trifft er den Amerikaner Whitney Straight, ebenfalls Student in Cambridge. Straight begeistert Seaman weiter für den Autorennsport und mit dem 1933 von seinen Eltern geschenkten 2-Liter-Bugatti (bald ersetzt durch einen Lagonda) fährt Seaman erste ernsthafte Rennen. Erfolge verzeichnet der junge Brite, der mittlerweile in Straights Rennstall eingetreten ist, aber erst mit seinem schwarz lackierten MG Magnette im Jahr 1934: Er wird Klassensieger beim „Prix de Bern“ und entscheidet das Bergrennen am Mont Ventoux für sich.

Seine Eltern sehen Seamans teure und gefährliche Rennbegeisterung kritisch. Insbesondere dem Vater missfällt das Hobby, das sich Richard nur erlauben kann, weil ihn seine Mutter ständig mit hohen Geldsummen unterstützt. Sogar ein Flugzeug kaufen ihm die Eltern, um ihn vom Autorennen abzubringen. Aber Seaman nutzt das neue Verkehrsmittel nur für die schnellere Anreise zu Autorennen, um somit seinem Ziel, ein international renommierter Rennfahrer zu werden, näher zu kommen.

Straight zieht sich aus dem Rennsport zurück, und Seaman schließt mit ERA (English Racing Automobiles) einen Vertrag ab. Die Werksfahrzeuge erweisen sich aber als unzuverlässig, Seaman verabschiedet sich aus der Werksmannschaft und fährt als Privatier Siege in Pescara, Bern und Freiburg ein. Als sein Mechaniker Giulio Ramponi zum Wechsel auf einen bereits zehn Jahre alten Delage von Francis Curzon, 5th Earl Howe, rät, kauft Dick den Wagen des rennbegeisterten Aristokraten. Ramponi baut das Fahrzeug neu auf, und Seaman verzeichnet prompt Rennerfolge mit dem anachronistischen Gefährt.

Seiner Mutter zieht er derweil immer mehr Geld aus der Tasche – in diesen Jahren entsteht auch das widersprüchliche Bild zwischen einem „spoilt brat“ (verzogenem Balg) und dem „vielleicht größten Fahrer von Straßenrennen, den England jemals hervorgebracht hat“. Letztere Einschätzung stammt von Prinz Chula Chakrabongse von Thailand, Freund Seamans und Konkurrent auf Europas Rennstrecken sowie 1941 sein erster Biograf.

Während er seine Siege mit dem Delage genießt, träumt der junge Mann trotzdem davon, für einen der großen deutschen Rennställe zu fahren. Moderne Technik und professionelle Organisation begeistern ihn, wenn er die Teams der Silberpfeile von Mercedes-Benz und Auto Union beobachtet. Der Traum rückt in greifbare Nähe, als der Brite zum Saisonende 1936 ein Telegramm Alfred Neubauers erhält. Der Rennleiter lädt zur Testfahrt im November ein. Seaman fasst es kaum: Ausgerechnet Mercedes-Benz ist auf ihn aufmerksam geworden. Die Marke, von der er im selben Sommer sagte: „If I ever get a drive for Mercedes, I shall never drive for anybody else.“ („Wenn ich jemals für Mercedes fahren darf, dann fahre ich nie wieder für jemand anders.“).

Die politischen Implikationen, die ein mögliches Engagement mit sich brächte, sind Seaman bewusst. Doch alle Freunde raten ihm zuzugreifen, falls es nach dem Test ein Angebot aus Stuttgart geben sollte – der Sport kenne schließlich keine Grenzen. Für den geschäftstüchtigen Briten zählt neben der technischen Überlegenheit der Rennwagen von Mercedes-Benz auch die gute Verdienstmöglichkeit gegenüber britischen Rennställen. Doch noch ist es nicht an der Zeit, über Preisgelder nachzudenken. 30 junge Rennfahrer sind zu den Testfahrten auf dem Nürburgring eingeladen. Nach Proberunden mit Sportwagen bleiben zehn Anwärter auf die begehrten Plätze im Grand-Prix-Rennwagen übrig. Nur zwei von ihnen wählt Neubauer aus: Christian Kautz und Richard Seaman. Das Lob des Rennleiters für den Engländer („dieser junge Mann hatte echtes Talent“) sticht von Neubauers Meinung über Kautz („er fuhr gut“) bereits im Spätherbst 1936 hervor.

Im Februar des folgenden Jahres schließt Seaman seinen Vertrag mit Mercedes-Benz und startet bereits am 9. Mai 1937 beim Großen Preis von Tripolis zum ersten Rennen in einem Silberpfeil. „Dick“ geht im neuen W 125 750-kg-Formelrennwagen an den Start – einer Konstruktion des gerade erst ernannten Technischen Direktors der Rennabteilung von Mercedes-Benz, Rudolf Uhlenhaut. Der Reihenachtzylinder mit 5,8 Liter Hubraum liefert 540 PS (397 kW) und erweist sich als formidabler Gegner für die Auto-Union-Rennwagen mit ihren mächtigen 16-Zylinder-Motoren. Seaman erreicht zwar nur den siebten Platz, liegt während des Rennens aber über mehrere Runden an zweiter Position hinter Lang und vor Caracciola. Erst durch Motorprobleme wird der Brite bei seiner Premiere nach hinten durchgereicht.

Bei seinem zweiten Renneinsatz am 30. Mai in Berlin kommt er immerhin auf einen fünften Platz. Vor dem Großen Preis der Eifel auf dem Nürburgring muss der Engländer seinen W 125 dann Manfred von Brauchitsch überlassen, dessen Fahrzeug beim Training beschädigt worden ist. Obwohl Mercedes-Benz einen Renntransporter mit einem Ersatzfahrzeug losschickt, kommt Seamans W 125 erst in der Nacht zum Sonntag am Ring an. Nach wenigen Trainingsrunden am frühen Morgen scheidet er im Rennen mit einem Schaden an der Zündung in der zweiten Runde aus.

Dann aber erfüllt der jüngste Fahrer im Team, der mittlerweile in Deutschland wohnt, die in ihn gesetzten Erwartungen. Rudolf Caracciola und Seaman reisen mit der „Bremen“ in die Vereinigten Staaten, um Mercedes-Benz beim Vanderbilt Cup am 4. Juli in New York zu vertreten. Nach ersten Testfahrten auf dem umgestalteten Roosevelt Raceway verändert Uhlenhaut noch vor dem Rennen in anstrengenden Nachtschichten das Ansaugsystem des Kompressors. Eine lohnende Anstrengung, denn am Unabhängigkeitstag verfolgt ein großes Publikum, wie der junge Brite in seinem vierten Rennen für Mercedes-Benz mit dem großen Bernd Rosemeyer auf Auto Union um den ersten Platz kämpft. Seaman führt nach einem Boxenstopp Rosemeyers, kommt aber schließlich mit 31 Sekunden Abstand als Zweiter ins Ziel, gefolgt von Rex Mays auf Alfa. In den Vereinigten Staaten sind mittlerweile Sturzhelme für Autorennen vorgeschrieben. Doch Seaman hält diese rudimentären Protektoren für überflüssig – wie viele seiner Kollegen auch. 1939 wird ihm diese Haltung zum Verhängnis werden.

Mittlerweile hat sich der Brite eingelebt im Team. In Dambach am Starnberger See bezieht er ein Haus, rudert und erstaunt die Anlieger mit einem bisher in Deutschland unbekannten Sport: Wasserski. Ganz freiwillig fällt die Entscheidung für einen Wohnort in Deutschland allerdings nicht. Denn 1937 darf Seaman kein deutsches Geld ausführen, und das zunehmend schlechtere Verhältnis zu seinen Eltern lässt ihn auf Gehalt und Prämien als Rennfahrer angewiesen sein.

Das nächste Rennen, in dem Seaman für Mercedes-Benz antritt, ist der Große Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Nach einem schlechten Start liegt der Brite am 25. Juli 1937 zunächst auf dem zehnten Platz, kämpft sich aber in nur fünf Runden auf die Position vier vor. Ernst von Delius (Auto Union) will Seaman seine Position wieder abnehmen und versucht zu überholen. Von Delius verliert die Kontrolle über seinen Wagen, gerät ins Schleudern, blockiert die Fahrbahn und reißt den W 125 von Seaman mit ins Verderben – die beiden Fahrzeuge prallen aufeinander. Der Deutsche wird bei dem Unfall so schwer an Kopf und Hüfte verletzt, dass er wenige Stunden später stirbt.


Großer Preis von Masaryk bei Brünn, 26. September 1937. Manfred von Brauchitsch (2. Platz) gefolgt von Richard Seaman (4.Platz), beide auf Mercedes-Benz W 125.
Foto: Daimler AG

Seaman, der vor dem Crash aus dem Wagen geschleudert wurde, bricht sich Daumen und Nase. Aus dem Krankenhaus von Adenau schreibt Seaman am 1. August in der runden, jungenhaften Handschrift des Oxbridge-Sportlers an den Daimler-Benz Aufsichtsratsvorsitzenden Emil Georg von Stauss: „I am leaving here in a few days, and hope to drive again in the ‘Grosser Preis der Schweiz’ on the 22nd August.” („In wenigen Tagen werde ich von hier abreisen und hoffe, am Großen Preis der Schweiz am 22. August teilzunehmen.“) – der Brite lässt keinen Zweifel daran, dass ihm der Crash nichts von seiner Begeisterung für den Rennsport genommen hat.

Aus dem Einsatz in der Schweiz wird aber nichts. Zwar gibt Neubauer bereits am 15. August in Pescara bei der Coppa Acerbo Seaman eine nächste Chance, als Hermann Lang wegen Grippe auf den Start verzichten muss. Doch diesmal scheint sich die abergläubige Abneigung des Fahrers gegen die Zahl 13 zu bestätigen: Am Freitag vor dem Rennen, dem 13. August, kollidiert Seaman bei Kilometer 13 und einem Tempo von 160 km/h mit einer Wand. „Dick“ bleibt unverletzt, doch der W 125 ist zu schwer beschädigt, um noch repariert werden zu können.

Nach zwei Totalschäden innerhalb von nur drei Wochen hat Neubauer keinen Wagen mehr für den Juniorfahrer bereit. Auch beim Schweizer Grand Prix wird Seaman sich auf einige Trainingsrunden beschränken müssen. Es ist „Dicks“ dritter schwerer Unfall mit einem der Mercedes-Benz Rennwagen: Schon bei Testfahrten in Monza vor seinem offiziellen Einstieg in den Rennstall hat der Angelsachse einen Rennwagen Baujahr 1936 zu Schrott gefahren. Neubauer rügt die riskante Fahrweise, die zu diesen Unfällen geführt hat, und führt dem jungen Briten den vorsichtigeren Lang als Vorbild vor Augen: Während Richard Seaman das Risiko sucht, den Nervenkitzel der technischen Grenzerfahrung genießt, lotet auch Hermann Lang die Möglichkeiten des Fahrzeugs aus, erweist sich aber bei mindestens ebenso hohem Tempo als der sicherere und vernünftigere Fahrer.

Allerdings imponiert dem Rennleiter Seamans Einsicht in seine Fehler. Wie vor einem Jahr in Monza gibt Seaman auch in Pescara nicht der Technik die Schuld, sondern nimmt die Verantwortung auf sich. Vielleicht auch deshalb bekommt der Engländer mitten im Rennen doch noch eine Chance: Caracciola übergibt seinen Rennwagen mit Motorproblemen an den Juniorfahrer. In der 13. Runde schlagen sogar Flammen aus dem Motor des W 125, doch Seaman zeigt sich als kaltblütiger Profi. Er bremst auf einem stark abschüssigen Teil der Strecke und schaltet den Motor ab. Als die Flammen erstickt sind, startet er den Wagen wieder und kommt immerhin als fünfter ins Ziel.

In seinem letzten Rennen 1937 hat Seaman weniger Glück. Ausgerechnet beim englischen Grand Prix von Donington wird Seaman von Hermann Müller (Auto Union) touchiert und muss das Rennen mit beschädigten Stoßdämpfern abbrechen. Das ist besonders bitter für den Briten, der allein 1936 drei Klassensiege in Donington errungen hat und dem Publikum jetzt sein Können auf den schweren deutschen Rennwagen demonstrieren will, für deren Teilnahme eigens der Kurs erweitert und umgebaut wurde. Donington ist der letzte Wettbewerb Seamans in diesem Jahr.


Großer Preis der Schweiz, 21. August 1938. Personen von links: Rudolf Uhlenhaut, Manfred von Brauchitsch, Rudolf Caracciola, John Richard Beattie Seaman, Direktor Max Sailer und Rennleiter Alfred Neubauer.
Foto: Daimler AG

Der Engländer fühlt sich zunehmend unbehaglich in Deutschland, zieht im Freundeskreis während der Auto-Ausstellung in Berlin sarkastische Vergleiche zwischen Hitlers Pomp und den Kulissen amerikanischer Hollywood-Regisseure. Und ein Cockpit im neuen W 154 ist in den ersten Monaten von 1938 auch nicht frei für ihn. Die Enttäuschung des Rennfahrers wird allerdings wettgemacht, als er im Juni Erika Popp kennen lernt, die Tochter des BMW-Vorsitzenden Franz-Josef Popp und seiner Frau Christine. Die 18-jährige Deutsche und der sieben Jahre ältere Engländer verlieben sich ineinander und verbringen immer mehr Zeit zusammen. Während Richard sich hervorragend mit Erikas Eltern versteht, bringen die Beziehung zu dem schönen Mädchen und die Heirat im selben Jahr den endgültigen Bruch Seamans mit seiner mittlerweile verwitweten Mutter. Die Romanze zwischen Erika und Richard entwickelt sich aber noch, als Seaman im Juli endlich wieder ein Rennen fahren darf.


John Richard Beattie Seaman mit seiner Mutter.
Foto: Daimler AG

Mercedes-Benz hat rechtzeitig zum Großen Preis von Deutschland die Flotte der neuen W 154-Rennwagen fertig gestellt. Mit der Startnummer 16 geht Seaman in sein erstes Rennen der Saison und fährt im Training sofort auf einen Platz in der ersten Startreihe. Er wird diesen Grand Prix in 3 Stunden, 51 Minuten und 46 Sekunden vor seinem Team-Kollegen Lang gewinnen. Dabei hilft dem Briten auch der Zufall. Denn die Teamorder Neubauers, dass nach dem Start kein Fahrer seine eigenen Kollegen anzugreifen habe, löst sich in Rauch auf, als der Wagen von Brauchitschs in Brand gerät. Beim Betanken mit dem leicht entflammbaren Alkohol-Treibstoff fließt die explosive Flüssigkeit aus dem Tankstutzen, und schnell steht der W 154 in Flammen. Jetzt holt niemand mehr den Briten ein, der bereits in seiner sechsten Runde die schnellste Zeit des Rennens vorgegeben hat.

Neubauer setzt Seaman trotz dessen Triumphs auf dem Nürburgring in den nächsten beiden Rennen nicht ein. In Bremgarten, wo der Brite von 1934 bis 1936 dreimal den Titel seiner Klasse in Folge gewann, ist er aber wieder mit dabei. Gleich zwei schnellste Runden legt Richard beim Training für den Großen Preis der Schweiz hin und startet aus der Pole Position. In strömendem Regen liegt Seaman nach dem Start an erster Stelle und führt vor Hans Stuck und Caracciola. Doch mit den Fahrkünsten des „Regenmeisters“ kann der junge Engländer noch nicht mithalten. Rudolf Caracciola gewinnt den Grand Prix für Rennwagen zum dritten Mal, Seaman wird Zweiter – als einziger Fahrer, den Caracciola nicht überrundete.

Im September ermöglicht Franz-Josef Popp, Richards künftiger Schwiegervater, ihm die Teilnahme an der britischen Tourist Trophy. Ausnahmsweise startet er nicht für Mercedes-Benz, sondern fährt einen Frazer Nash BMW. „Dick“ freut sich auf das britische Rennen, doch die Zuverlässigkeit der BMW enttäuscht ihn und seine Teamkollegen: Alle vier Werkswagen haben Probleme während des Rennens in Donington, Seaman kommt nur als 21. ins Ziel. Im Herbst des Jahres startet er dann mit einem W 154 beim Grand Prix auf derselben Strecke. Seaman präsentiert das Mercedes-Benz Team dem Duke of Kent, fährt mit dem Fürsten einige schnelle Runden und holt immerhin einen dritten Platz nach Tazio Nuvolari und Hermann Lang.

Mit dem Rennen in England endet die Saison 1938. Für Richard Seaman folgen glückliche Monate mit Erika, die er am 7. Dezember 1938 gegen den Willen seiner Mutter in London heiratet. In England, Frankreich und der Schweiz verbringt das Paar die nächsten Wochen. Statt auf Rennstrecken sind die beiden auf der Skipiste und im Kino unterwegs, besuchen touristische Attraktionen. Zusammen mit seiner jungen Frau genießt Seaman, der seit seiner späten Jugend ein begeisterter Gourmet ist, auch die feine Küche der Urlaubsländer.

Kurz nach seiner Hochzeit hat Seaman einen neuen Vertrag mit Mercedes-Benz unterschrieben, denn in dem Rennstall fühlt sich der junge Brite glücklich und sieht gute Chancen auf einen Spitzenplatz unter den Fahrern der Marke. Doch die politische Lage spannt sich immer stärker an. Vor der Berliner Automobil-Ausstellung im Februar, bei der Seaman auf Adolf Hitler treffen soll, spottet er gegenüber Erika resigniert über seine Situation: Nicht die Hand schütteln solle er dem Diktator, sondern ihn umbringen. Doch „Dick“ wird nichts dergleichen versuchen, er konzentriert sich stattdessen auf Ehe und Beruf. Seamans ehemaliger Schulfreund Tony Cliff betont später das besondere Gewicht von Dicks Sorgen um die politische Lage: Seaman habe sonst eigentlich keine politische Überzeugung gehabt, die ihn für kritische Einschätzungen der aktuellen Politik sensibilisiert hätte.


Großer Preis von Belgien, 25. Juni 1939. Richard Seaman auf Mercedes-Benz Rennwagen W 154 mit der Startnummer 26 als er sich H.P. Müller auf Auto-Union nähert.
Foto: Daimler AG

Aber selbst Earl Howe rät seinem Landsmann im Frühjahr 1939 noch einmal, nicht aus politischen Gründen mit Mercedes-Benz zu brechen – auch wenn das NS-Regime nach Kräften versuche, die sportlichen Leistungen der Silberpfeile für die politische Propaganda auszunutzen: „If you can stick it, it would be much better for you to stay where you are.“ („Wenn Sie es aushalten, wäre es viel besser für Sie zu bleiben, wo Sie sind.“). Ein weiteres Argument, das gegen den Bruch mit dem deutschen Rennsport spricht, sind die Finanzen des jungen Paares. Denn die Seamans dürfen kein Geld aus dem Deutschen Reich ausführen, und Dicks Mutter verweigert ihnen die Unterstützung aus dem britischen Vermögen der Familie.

Seaman folgt dem Ratschlag des adligen Rennfahrers. Beim Großen Preis in Pau wird er zwar nur als Ersatzfahrer nominiert, fährt jedoch im Training die schnellste Runde. Auch in Tripolis, wo Mercedes-Benz mit den insgeheim entwickelten 1,5-Liter-Rennwagen vom Typ W 165 einen triumphalen Doppelsieg holt, sitzt er nicht hinter dem Lenkrad. Erst im Mai auf dem Nürburgring fährt Seaman diesen neuen Wagen bei Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über die Silberpfeile von Mercedes-Benz und Auto Union. Die Kamera rückt den Briten dabei prominent ins Bild. Bei dem wenige Tage vorher gefahrenen Großen Preis der Eifel allerdings ist Seaman ohne Chance auf einen Sieg gewesen, weil er beim Start die Kupplung überbeansprucht und in der ersten Runde ausscheidet.

In Belgien will John Richard Beattie Seaman endlich seinen ersten Titel des Jahres holen. Er will unterstreichen, dass er vor einem Jahr auf dem Nürburgring zu Recht gewann und die silberne Anstecknadel mit Diamanten verdient hat, mit der Mercedes-Benz seine Fahrer bei Grand Prix-Siegen ehrt. Vor allem aber will er es dem „Regenmeister“ Caracciola zeigen, denn am Tag des Rennens prasselt schwerer Regen auf die Strecke von Spa-Francorchamps. Nach dem Start liegt Dick auf dem sechsten Platz, er kämpft sich aber Runde für Runde nach vorn. In der achten Runde fährt er bereits an Position vier und Hermann Lang winkt ihn weiter durch. Müller geht in die Box, und als ausgerechnet Rudolf Caracciola plötzlich auf dem regennassen Kurs von der Fahrbahn abkommt und seinen Wagen in einen Graben setzt, führt Seaman das Rennen um den Großen Preis von Belgien. In der zwölften Runde liegt er bereits 31 Sekunden vor Lang.

Doch trotz des komfortablen Vorsprungs behält Seaman sein hohes Tempo bei, selbst als der Regen noch stärker wird. Das wird ihm zum Verhängnis. Sein Wagen gerät ins Schleudern, schießt mit rund 200 km/h von der Strecke und prallt gegen einen Baum. Der Aufprall zerreißt die Treibstoffleitungen, und binnen Sekunden steht der Wagen in Flammen. Seaman ist nicht schwer verletzt. Doch der Aufprall hat ihn benommen gemacht, und er kann sich nicht aus eigener Kraft aus dem Fahrzeug retten. Als die ersten Helfer an dem brennenden Wrack eintreffen und ein mutiger belgischer Offizier den Engländer aus dem Inferno zieht, hat Seaman bereits schwerste Brandverletzungen.


Großer Preis von Belgien, 25. Juni 1939. Ein tragischer Unfall beendete beim Großen Preis von Belgien auf der Rundstrecke von Spa-Francorchamps die Karriere des sympathischen Engländers Richard Beattie Seaman. Er hatte in der 22. Runde mit einem Vorsprung von 28 Sekunden geführt, als er auf der regenglatten Strecke nach La Source aus der Kurve rutschte und breitseits in die Bäume schleuderte. Der Benzintank platzte und der Wagen fing Feuer. Richard Seaman erlag am nächsten Tag seinen Verletzungen.
Foto: Daimler AG

Das Rennen wird trotz des Unglücks fortgesetzt. Ein Krankenwagen erreicht Seaman nur auf großen Umwegen, während sich der Teamarzt von Mercedes-Benz, Dr. Peter Gläser, um den verletzten Fahrer kümmert. Endlich bringt ihn die Ambulanz in das Krankenhaus von Spa. Seaman scherzt noch gegenüber seiner Frau, dass er sie heute Abend leider nicht ins Kino einladen könne. Und gegenüber Neubauer gibt er zu, dass der Unfall Folge des viel zu hohen Tempos und damit sein Fehler gewesen ist. Doch die Einsicht kommt zu spät. Dick Seaman, einer der vielversprechendsten Rennfahrer der 1930er Jahre, stirbt wenige Stunden nach dem Unfall an seinen schweren Verletzungen.

Für den Rennstall kommt Seamans Tod als Schock. Mercedes-Benz erinnert in der Todesanzeige an seinen kometenhaften Aufstieg in die „Sonderklasse der Rennfahrer“. Auch die internationale Presse berichtet betroffen über „Seamans schweren Sturz“ und seinen Tod am selben Abend. „Nun hat auch ihn das Rennfahrer-Schicksal getroffen“ endet entsprechend der Nachruf auf Seaman im „Kraftverkehrs-Pressedienst“ vom 28. Juni 1939.

Richard Seaman – ein Rennfahrerleben für Mercedes-Benz

Triumph und Tragik lagen eng nebeneinander in der Karriere von John Richard Beattie Seaman, genannt „Dick“. Der Brite, der seit seiner Studienzeit in Cambridge Autorennen fuhr, wurde 1937 in den Rennstall von Mercedes-Benz aufgenommen. Auf seinem W 154 3-Liter-Formelrennwagen gewann er 1938 den Großen Preis von Deutschland. 1939 verunglückt er tödlich in Belgien beim Grand Prix in Spa.

  • geboren: 4. Februar 1913
  • 1926: Public School in Rugby
  • 1930: Erstes eigenes Auto, ein Riley Brooklands Nine
  • Juli 1931: Erstes Bergrennen in Shelsley Walsh mit dem Riley
  • Oktober 1931: Beginn Studium in Cambridge. Kontakt mit Whitney Straight. Seaman entscheidet sich für die Karriere als Rennfahrer.
  • 1932: Seaman rudert für Cambridge.
  • 1932: Mitgliedschaft im Cambridge University Automobile Club (CUAC)
  • Seamans Eltern schenken ihm einen MG Magna
  • 1933: Er überzeugt seine Eltern, ihm einen 2-Liter-Bugatti zu kaufen. Teilnahme mit dem Bugatti an Rennen in Donington, aber keine Platzierung. Später im Jahr kauft ihm der Vater einen Lagonda.
  • Dezember 1933: Whitney Straight gründet einen Rennstall.
  • Februar 1934: Seaman steigt mit einem gerade gekauftem MG Magnette bei Straight ein.
  • März 1934. Erster Klassensieg mit dem MG bei Intervariety Speed Trials in Eynsham
  • August 1934: Klassensieg beim „Prix de Bern“ in Bremgarten
  • 1935: Seaman fährt für ERA. Wegen dauernder Probleme mit dem Fahrzeug organisiert er ein eigenes Rennteam mit dem Mechaniker Giulio Ramponi.
  • August 1935: Siege auf ERA in Pescara (Coppa Acerbo) und Bremgarten (Prix de Bern)
  • 1936: Auf Rat Ramponis kauft Seaman einen zehn Jahre alten Delage von Earl Howe. Von Ramponi neu aufgebaut, wird der Delage zum Siegerwagen: Seaman gewinnt mehrfach in Donington, außerdem auf der Isle of Man, in Pescara und in Bremgarten.
  • November 1936: Einladung zu Testfahrten von Mercedes-Benz auf dem Nürburgring.
  • Februar 1937: Vertrag mit Mercedes-Benz
  • Mai 1937: Erstes Rennen im Silberpfeil W 125 beim Grand Prix von Tripolis, 7. Platz
  • Mai 1937: 5. Platz beim Großen Preis der AVUS
  • Juli 1937: 2. Platz beim Vanderbilt Cup in New York, 1. Rosemeyer, 3. Mays
  • 1937: Seaman zieht nach Dambach am Starnberger See. Er fährt dort gern Wasserski.
  • Juli 1937: Schwerer Unfall bei einer Kollision mit Ernst von Delius beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Von Delius stirbt, Seaman bricht sich Daumen und Nase.
  • August 1937: Trainingsunfall in Pescara, dennoch 5. Platz in Caracciolas Wagen bei der Coppa Acerbo
  • September 1937: Zwei 4. Plätze in Livorno und Brünn
  • Oktober 1937: Seaman scheidet beim Grand Prix von Donington nach Unfall aus.
  • Juni 1938: Er lernt seine spätere Frau Erika Popp kennen.
  • Juli 1938: Seaman gewinnt Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. 2. Lang / Caracciola, 3. Stuck
  • August 1938: 2. Platz beim Grand Prix der Schweiz in Bremgarten. 1. Caracciola, 3. von Brauchitsch
  • September 1938: Seaman startet mit Frazer Nash BMW bei britischer Tourist Trophy. Nach technischen Problemen nur Platz 21
  • Oktober 1938: 3. Platz beim Grand Prix von Donington. 1. Nuvolari, 2. Lang
  • Dezember 1938: Heirat mit Erika Popp, Bruch mit seiner Mutter
  • 1939: Trotz politischer Spannungen raten britische Rennfahrer, Seaman solle weiter für Mercedes-Benz fahren.
  • April 1939: Seaman fährt schnellste Trainingsrunde beim Grand Prix de Pau, ist aber nur als Ersatzfahrer nominiert.
  • Mai 1939: Seaman scheidet beim Großen Preis der Eifel auf dem Nürburgring nach dem Start aus. In den folgenden Tagen Filmaufnahmen für eine Dokumentation über die Silberpfeile.
  • 25. Juni 1939: Seaman führt beim Grand Prix von Belgien in Spa. Er verunglückt in schwerem Regen und stirbt noch am gleichen Tag.